
Statement
1 Statement zu den Konzerten der Bands Marduk, Panzerfaust, Frauenarzt und King Orgasmus One
Inhalt:
1. Ausgangslage 1 2. Aktuelle Forderungen 3 3. Marduk 4 4. Panzerfaust 5 5. Frauenarzt und King Orgasmus One 6 6. Zukunft der Kultur 8
Zusammenfassung:
Das Backstage steht seit über 30 Jahren für eine klare Haltung gegen jede Form von Rassismus, Extremismus, Sexismus oder sonstiger Diskriminierung. Zugleich war das Backstage aber auch immer ein Zentrum der extremen Musik und der Subkulturen. Um die Freiheit der Kunst aber nicht zu missbrauchen, legen wir höchsten Wert darauf, nur KünstlerInnen eine Bühne zu bieten, die unsere selbstgezogenen roten Linien nicht überschreiten. Daher haben wir auch die aktuellen Forderungen der Auftrittsverbote der Black Metal-Bands Marduk und Panzerfaust beim Dark Easter Metal Meeting sowie der Hip-Hop-Acts Frauenarzt und King Orgasmus One intensiv überprüft mit dem Ergebnis, keine der Bands abzusagen.
Eine Konzertabsage muss immer mit nachvollziehbaren und objektiven Fakten begründet sein, da ansonsten einer willkürlichen oder rein emotional motivierten Cancel Culture Tür und Tor geöffnet werden. Diese Entwicklung darf nicht im Interesse einer pluralen und diversen (Kultur-)Gesellschaft sein, in der die Meinungsfreiheit, ein sachlicher Diskurs und Respekt gegenüber anderen Meinungen Grundpfeiler unseres Zusammenlebens sind.
1. Ausgangslage Das Backstage bietet seit mittlerweile über 30 Jahren KünstlerInnen aus nahezu allen Musikgenres eine Bühne. Die Haltung bei allen Konzerten war, ist und wird auch in Zukunft immer sein: Keine Bühne für radikales, extremistisches oder diskriminierendes Gedankengut!
Als eines der größten, wichtigsten, mehrfach ausgezeichneten und staatlich-nicht-subventionierten alternativen Kulturzentren in Europa wissen wir um unsere gesellschaftspolitische Verantwortung. Deswegen engagieren wir uns zusammen mit sozialen Organisationen aus allen gesellschaftlichen Bereichen, mit ehrenamtlichen HelferInnen und politischen Institutionen seit Jahren gegen jede Form von Rassismus, Antisemitismus, Extremismus, Sexismus, Homophobie oder kulturelle Aneignung und fördern Toleranz, Respekt, Integration, Multikulturalität und Inklusion.
Siehe unsere Backstage-Philosophie: https://backstage.eu/pub/media/pdfs/BackstagePhilosophie.pdf Club des Jahres 2017: https://beta.musikwoche.de/details/417257 Munich Nightlife Award 2019: https://munichnightlifeawards.de/die-gewinner-der-munich-nightlife-awards-2019/ Beste Metal-Location: https://www.metal-hammer.de/leserpoll-2021-zusammenhalt-gewinnt-1918297/ Legendär: https://www.metal-hammer.de/metal-clubs-darum-ist-das-backstage-in-muenchen-legendaer-648773/ Vgl. bspw.: https://cityseeker.com/munich/768945-backstage-halle Vgl. unter anderem:
Engagement für einen Blutkrebserkrankten: https://www.nachrichten-muenchen.com/19 – 03-2022-im-backstagemuenchen-typisierungsaktion-fuer-lewy/166512/ Spenden für die Ukraine: https://www.prosieben.de/tv/zervakis-opdenhoevel-live/news/zervakis-opdenhoevel-livespezial-so-hilft-deutschland-der-ukraine-109356 2 Zugleich stehen wir aber klar auf der Seite der Freiheit der Kunst und Kultur. In den jeweiligen Jugendkulturen wie heute im Hip-Hop oder in den verschiedenen Subkulturen wie im Heavy Metal oder Punk waren Provokation, Überspitzung, Aggressivität oder Ironie schon immer künstlerische Mittel, um gesellschaftliche Konventionen, ethische Grenzen oder Fragen des Geschmacks kritisch zu thematisieren und der Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten. Die Freiheit der Kunst darf dabei aber niemals ein Freibrief für Hass, Hetze und Extremismus sein. Daher haben wir im Laufe der Zeit auch viele Bands ertragen, die uns aus unterschiedlichen Gründen zwar stark missfallen, aber unsere roten Linien nicht überschritten haben.
Im Gegensatz zu sehr vielen anderen Veranstaltungsorten, die sich lediglich darauf berufen, ob Bands von Seiten der staatlichen Behörden erlaubt sind, überprüfen wir zusätzlich nach unseren ethischen Maßstäben, wer im Backstage auftreten kann. Viele Bands wurden und werden so erst gar nicht veranstaltet, was die Öffentlichkeit nicht wissen kann, an dieser Stelle aber einmal angesprochen werden muss. Würden wir nur nach finanziellen Interessen handeln, wäre unser Programm sicher deutlich anders und ohne Rücksicht auf etwaige ethische Bedenken gestaltet frei nach dem Motto: „Was der Staat erlaubt, können wir auch auf unserer Bühne erlauben“. Genau diesen Ansatz verfolgen wir aber bewusst nicht, sondern subventionieren vielmehr Events (wie das europaweit einzigartige free&easy-Festival) und Aktionen, mit denen wir Toleranz und Multikulturalität fördern. Der Bash gegen Antisemitismus sei hier nur als ein Highlight erwähnt, der zu unserer Überraschung weder vom Linken Bündnis gegen Antisemitismus noch von den anderen „linken“ Parteien unterstützt wurde. Vielmehr wurde sogar unser jüdischer Stadtrat Marian Offmann (damals CSU, heute SPD) von einigen Gästen der linken Szene von der Bühne gebuht und beleidigt, was bis heute zu den dunkelsten und widerlichsten Ereignissen in unserer Geschichte zählt.
Um jedem die Teilhabe an unseren Konzerten, Events und Partys zu ermöglichen, versuchen wir zudem unsere Preise fair und ausgewogen zu halten, weswegen wir unter anderem bei den Getränken, Tickets und Mietpreisen oft sogar günstiger als einige der staatlich subventionierten alternativen Hallen in München sind.
Des Weiteren haben wir in den letzten 30 Jahren wiederholt Konzerte abgesagt, nachdem wir entsprechende Hinweise aus den Szenen, von Fans oder AktivistInnen bekommen haben, wie bspw. im Falle der Band Infernal War. Nach Überprüfung dieser Hinweise wurde nicht nur das Konzert abgesagt, sondern auch die Band aus der kompletten Tour als Vorband von Marduk gestrichen, wofür wir uns intensiv eingesetzt haben. Trotz unserer intensiven Recherchen kann es in seltensten Fällen passieren, dass wir bei annähernd 1000 Bands pro Jahr etwas übersehen, Fakten unklar sind oder wir manche Bands — meist kurzfristig als Vorband von den Agenturen — zugewiesen bekommen, von denen wir die Hintergründe (erstmal) nicht kennen und wir den Agenturen vertrauen, uns nur Bands zu
Bazar für syrische Geflüchtete:
http://www.munichx.de/planen/muenchen/Backstage\_Werk/BENEFIZ\_FLOHMARKT\_fuer\_syrische\_Fluechtlinge/35207.p hp Gegen rechte Politiker im Hirschgarten: https://www.welt.de/politik/deutschland/article145056566/Dort-sitzen-die-Obernazis-von-Muenchen.html Pelzverbot: http://www.tz.de/muenchen/stadt/neuhausen-nymphenburg-ort43338/backstage-muenchen-live-clubmuenchen-verhaengt-pelzverbot-keine-annahme-garderobe-zr-6057801.html Bspw. für kleine Parteien zur Stadtratswahl 2020:
https://backstage.eu/pub/media/pdfs/FREIBIERfuermehrDEMOKRATIE.pdf Interview zum 25. Geburtstag mit weiteren Beispielen: https://www.abendzeitung-muenchen.de/muenchen/backstagemuenchen-konzerte-ohne-kommerz-art-323068 Hinzu kommen unzählige Konzerte (aktuell ein Ukraine-Benefizkonzert), Events, Demos und Aktionen (bspw. monatelange Lagerung des Maibaums vom Rot-Kreuzplatz), die mit technischem Equipment, Getränkespenden, Online-Aktionen etc. unentgeltlich unterstützt wurden.
Vgl.: https://www.sueddeutsche.de/muenchen/backstage-antisemitismus-buhrufe-csu-1.4431423?reduced=true 3 schicken, die unseren Werten entsprechen. Daher sind wir immer dankbar für kritische Hinweise zu unserem Programm, denen wir immer nachgehen und wenn notwendig auch entsprechend handeln (bspw. bei den Krawallbrüdern oder MGLA/Deus Mortem). Den dritten Bereich bilden die äußerst wenigen KünstlerInnen, bei denen uns zwar einiges missfällt, aber nicht eindeutig unsere roten Linien überschreiten wie in den letzten Jahren die Bands Tyr, Deströyer 666, Kollegah oder Phil Anselmo. Auf unserer Homepage haben wir alle Statements zu den damaligen Absagen oder beibehaltenen Konzerten aufgelistet und die jeweiligen Gründe darin erklärt.
2. Aktuelle Forderungen Aktuell wird vom Linken Bündnis gegen Antisemitismus in München gefordert, die Konzerte der Black Metal-Bands Marduk und Panzerfaust sowie die Hip-Hop-Acts Frauenarzt und King Orgasmus One abzusagen.
Wir bedauern sehr, dass diese Forderungen — im Gegensatz zu dem, im Zuge des Kollegah-Konzerts 2019 gemeinsam vereinbarten Vorgehen — erneut nur öffentlich, kurzfristig und inhaltlich sehr oberflächlich begründet erhoben wurden. Unser gemeinsames Ziel, nämlich der Kampf gegen Antisemitismus, Rassismus und Extremismus, wird durch dieses populistische Vorgehen leider wieder in den Hintergrund gedrängt und eine Diskussion über die Inhalte der Kritik verhindert, da von Seiten des Bündnisses — wie in der Vergangenheit auch — kein Austausch erwünscht bzw. möglich ist. Es macht uns große Sorgen, dass Kritik an KünstlerInnen oder den KulturhallenbetreiberInnen immer häufiger unfair, unsachlich, anonym und hinter dem Rücken geführt wird. Anstatt sich direkt und persönlich bei uns zu melden, wozu wir alle KritikerInnen immer wieder aufrufen, werden wir in den sozialen Netzwerken und in der Kommunalpolitik öffentlich an den Pranger gestellt, diffamiert, medialmoralisch unter Druck gesetzt oder teilweise sogar erpresst (siehe Tyr) nach dem Motto: „Wenn Ihr Euch nicht zu einem Auftrittsverbot zwingen lasst, dann machen wir euch nieder“. Dieser Form der Auseinandersetzung müssen wir entschieden entgegentreten, denn es ist ein Grundpfeiler der Demokratie, sich auch andere Meinungen anzuhören, den Dialog bei Streitfragen zu suchen und sich vom besseren Argument überzeugen zu lassen.
Zum anderen finden wir es hochgradig bedenklich, wenn Bands aufgrund oberflächlicher Vorwürfe, mangelhafter Recherche, individuellem Musikgeschmack oder bewusst falscher Auslegung der Texte Bühnenverbote bekommen sollen und stigmatisiert werden. Leider stellen wir aber in den letzten Jahren fest, dass der Druck für Absagen immer größer und die Gründe dafür immer kleiner werden. Wir veranstalten auch keineswegs mehr kritische Bands als früher, was auch zu solchen Diskussionen führen könnte, sondern sogar weniger, weil das gesellschaftliche Klima eine immer stärkere Sensibilität verlangt und weniger Meinungsvielfalt duldet. Wir wollen aber kein gesellschaftliches Klima, in dem nur noch Emotionalisierung, Moralisierung und Empörung die neuen Gradmesser für Konzertabsagen sind. Auch dürfen der Druck von anonymen Quellen im Internet, Spekulationen oder Hetze nie zur Entscheidungsgrundlage für eine Konzertabsage werden. Entscheidend müssen weiterhin Fakten, Tatsachen, unsere eigenen Werte und der persönliche Eindruck sein, den wir von den KünstlerInnen teilweise über viele Jahre bekommen haben. Auch dürfen nicht jede Kritik und jeder Vorwurf automatisch ein Grund für eine Absage sein. Denn mit jeder unberechtigten Absage wächst die Gefahr, dass langfristig die Ränder und Extreme gestärkt werden, weil die Szenen dann in den Untergrund
Vgl.: https://www.metal.de/news/die-vorwuerfe-gegen-mgla-und-deus-mortem-eine-chronologie-374974/ Siehe: https://backstage.eu/politics.html Vgl.: https://lbga-muenchen.org/2022/03/24/pm-21 – 22-3 – 22-linkes-bundnis-gegen-antisemitismus-munchen-kritisiertgemeinsam-mit-vjsb-dgb-jugend-munchen-asam-und-jufo-dig-munchen-das-backstage-wegen-anstehender-konzerte/ 4 abwandern und erst recht in die Hände von Populisten und Extremisten gelangen können. Eine Verbannung von Bands sowie ihren Fans aus normalen Locations erhöht somit nur die Gefahr der Abspaltung von der Gesellschaft und befördert die Radikalisierung als „ausgegrenzte Minderheit“. Eine Absage darf in einer offenen Gesellschaft daher immer nur das letzte aller Mittel sein.
3. Marduk Eine Absage des Konzertes steht für uns aktuell nicht zur Diskussion und in keiner Relation zu den Vorwürfen. Der Vorwurf, „bei Marduk handle es sich um eine Band mit gestandenen Antisemiten und Rassisten und mit besten Verbindungen in die Naziszene“ entbehrt nach den bisher vorliegenden Fakten einer Grundlage und stellt eigentlich eine Verleumdung dieser Band und vor allem ihrer Fans dar. Marduk haben demgegenüber mit der konsequenten Ausladung der Vorband Infernal War auf ihrer Tournee 2018 gezeigt, dass sie Kritik — im Gegensatz zu MGLA damals — ernst nehmen und Taten folgen lassen. Die weiteren Vorwürfe des Bündnisses sind seit Jahren längst von der Band glaubhaft widerlegt, wie bspw. der Metal Hammer schon 2018 dokumentiert hat. Der Metal Hammer ist eines der führenden und renommierten Musikmagazine im deutschsprachigen europäischen Raum und gilt hinsichtlich der Bewertung von Bands als eine sichere und vertrauenswürdige Quelle. Diese Meinung teilen darüber hinaus auch andere einschlägige Magazine und Medien.
Der Vorwurf, dass die Thematisierung des 2. Weltkriegs sowie die ästhetische Verarbeitung von Symbolen des Faschismus für eine rechte Gesinnung spreche, zeigt ebenfalls auf, dass die Kritiker nicht verstehen (wollen), dass Krieg und Faschismus ein zentrales Thema im Black Metal sind und entsprechend des genre-genuinen Stils provokant dargestellt werden. Hier von einer „Hommage“ an den Faschismus zu sprechen verdreht gänzlich das Anliegen, den Faschismus durch die Darstellung seiner grausamen Brutalität kritisch zu reflektieren. Seit 2018 haben sich die Vorwürfe auch nicht weiter verändert. Trotzdem haben wir bereits lange vor den aktuellen Forderungen des Bündnisses die Band nochmals überprüft, da wir die Kritik ja seit vielen Jahren kennen, diese sich aber bis heute eben nicht als haltbar erwiesen hat.
Gerade das Dark Easter Metal Meeting, bei dem Marduk als einer der Hauptacts auftreten, wird von uns, den ehrenamtlich tätigen (!) VeranstalterInnen und beteiligten PräsentatorInnen wie bspw. dem Metal Hammer mit größter Sensibilität behandelt. Denn mittlerweile hat sich dieses Nischen-Festival zu einem internationalen Highlight für die Black Metal-Szene entwickelt, weswegen eine eindeutige und scharfe Distanzierung von der NSBM-Szene im Interesse aller Beteiligten, ob Bands, Fans oder VeranstalterInnen ist. Aus diesem Grund wurde für das diesjährige Meeting auch ein Merchandise-Händler sofort wieder ausgeladen und dessen Band aus dem Programm gestrichen, nachdem wir von Fans erfahren haben, dass dieser unter anderem auch Artikel von NSBM-Bands verkauft.
Mit dem Auftritt der Band Marduk folgen wir zudem der Linie der VeranstalterInnen, die Marduk auf der Bühne hatten, wie bspw. dem Hellfest, dem Summer Breeze Festival, dem With Full Force Festival, dem Graspop Metal Meeting, dem Rock Hard Festival, dem 70000 Tons of Metal Festival sowie unzähligen weiteren, international hochkarätigen Festivals und weltweiten ClubbetreiberInnen wie bspw. der The Garage in London, die alle keine rechten Bands auf ihren Bühnen zulassen.
Vgl.: https://www.metal-hammer.de/marduk-die-immergleichen-nazi-vorwuerfe-1073557/ Vgl.: https://antiblackmetal.wordpress.com/2018/07/02/marduk-is-racist/ Vgl.: https://www.metal-hammer.de/morgan-evil-hakansson-marduk-wenn-du-ueber-etwas-schreibst-so-wie-espassiert-ist-wo-ist-dann-das-problem-780663/ Vgl.: https://www.metal-hammer.de/dark-easter-metal-meeting-2022-alle-informationen-headliner-tickets-preiselineup-bands-wettervorhersage-livestream-internet-tv-spielplan-timetable-anreise-1256035/ Vgl.: Konzertliste aller Jahre: https://de.concerts-metal.com/g-2320\_\_Marduk.html 5 In aller Kürze sei hier nur erwähnt, dass führende Personen aus dem ehrenamtlichen Organisationsteam des Dark Easter Metal Meetings seit Jahren beruflich in der Flüchtlingshilfe oder in der sozialen Integrationsarbeit engagiert sind und politisch eindeutig auf der „links-alternativen“ Seite stehen. Diesen Personen zu unterstellen, dass sie einen Nährboden für rechtes Gedankengut streuen wollen, ist unverschämt und diffamierend zugleich. Es macht uns daher mehr als betroffen, wenn wir mittlerweile von zahlreichen VeranstalterInnen hören, dass sie aufgrund solch falscher Verdächtigungen allmählich keine Lust mehr haben, Konzerte oder Events zu organisieren. Das würde nicht nur das Ende vieler Subkulturen und Szenen bedeuten, die eine lebendige und bunte Demokratie ja erst zu einer solchen machen, sondern auch den Untergang kritischer Kontroversen und Diskussionen.
4. Panzerfaust Die erst am 06.04.22 erhobene Forderung der Absage von Panzerfaust beim Dark Easter Metal Meeting belegt nochmals eindrücklich die verschiedenen Mängel dieser Art der Kritik: sachlich und fachlich fragwürdige Argumente, generalisierende Unterstellungen, willkürliche Interpretationen und eine populistische Art der Anklage gegenüber uns als Veranstaltungsort.
Konkret beruht die Forderung der Absage auf zwei Punkten; erstens wegen der Teilnahme der Bandmitglieder an einem der sog. Freedom Convoys in Kanada, bei denen es in erster Linie gegen die Corona-Maßnahmen bei Truckern ging sowie zweitens wegen einer Aussage der Band, dass die Welt kein „Safespace“ ist. In beiden Fällen wurden die Kontexte völlig ignoriert und Aussagen der Bands willkürlich interpretiert. Denn die Statements der Band zu beiden Themen lassen keinen Zweifel offen, dass weder die Teilnahme an dieser Demonstration noch dieses Zitat als Beleg für eine rechte Einstellung dienen. Der Hinweis der Band, dass Faschismus das genaue Gegenteil der Idee der Band und die Meinungsfreiheit eines jeden Menschen eines unserer höchsten Güter ist sowie jeder Mensch Schutz verdient, werden dabei ignoriert und sogar als Beleg für rechtes Denken uminterpretiert. Die Methode des Bündnisses, Aussagen einer Band lediglich aufgrund der eigenen Auslegung ohne faktischen Bezug als unglaubwürdig, verschwörungstheoretisch oder unehrlich zu werten, finden wir mehr als bedenklich. Zudem werden häufig Internetquellen wie www.metalsucks.net, www.vice.com oder www.antiblackmetal.wordpress.com zitiert, die als zweifelhaft anzusehen sind oder keinen fachlichen Hintergrund haben wie das österreichische Boulevardblatt Kronen Zeitung (www.krone.at). Auch werden Behauptungen als scheinbare Tatsachen ohne klaren Beleg deklariert oder Handlungen verkürzt dargestellt und mutwillig fehlinterpretiert. Als Beispiel dient hier bspw. ein Band-Shirt von Panzerfaust mit Kritik an der Antifa, das von den Kritikern als eindeutiger Beleg für Rechtsradikalität gewertet wird. Der Kontext des Shirts wird aber nicht erklärt, obwohl man auch vermuten könnte, dass das Shirt aufgrund des Spruches „Re Antifa:…“ vielleicht eine Reaktion auf Angriffe der Antifa gegen
Siehe das Zitat von Panzerfaust (liegt uns so von der Band vor): „To contextualize our presence at this event, it is important to understand the political climate in Canada. Over the course of the pandemic, our government has become alarmingly authoritarian in a way that we have not seen in our lifetime. It was for this reason that we exercised our democratic right to voice our disdain for this nefarious trend. Many efforts were made to slander this protest with salacious lies, the main one being that this was somehow a “far-right” demonstration. Nothing could be further from the truth. This was a multicultural, pluralistic, and most importantly - a non-violent display of Canadian displeasure with the current state of our union. If there were any Nazi-sympathizing elements, we are exactly the people that you would hope to be there to combat them. We are not afraid to stand up to fascists wherever they rear their ugly heads. Our opposition to authoritarianism was the central reason for our attendance. This is the most important point.“
Siehe das Zitat Panzerfaust (liegt uns so von der Band vor): „The world has never been a safe space, and it never will be. Panzerfaust’s modus operandi is to act as mirror, reflecting the malign nature of our species. This statement pertaining to “safe spaces” is a blatant mockery of brainless idealism as we see it. In no way should this be purported as advocating for violence against any person for any reason.“
Vgl.: https://www.metal1.info/interviews/panzerfaust/ 6 Panzerfaust war. Unsere Recherchen dazu sind aber noch nicht abgeschlossen, da wir auch diesem Vorwurf ausführlich nachgehen und unseren Entscheidungsprozess transparent machen wollen. Zusätzlich verwundert uns in diesem Falle die erneute Kurzfristigkeit der Forderung, da auch diese Band bereits seit Langem im Programm feststeht. Daher haben wir die uns schon seit mehreren Wochen bekannten Vorwürfe sofort geprüft mit dem klaren Ergebnis, dass es keine stichhaltigen Anhaltspunkte gibt, die eine Absage rechtfertigen. Wie das Bündnis ja selbst in der Forderung schreibt, haben sie erst nach dem offenen Brief vom 22.3. von der Band erfahren, was uns zur Frage bringt, ob sich das Bündnis vorher überhaupt einen Überblick über das Dark Easter Metal Meeting und die Bands verschafft hat oder es nur Zufall ist, welche Band man zum Ziel solcher Angriffe auswählt.
Objektiv-überprüfbare Fakten, rechte Texte oder politisches Engagement der Band, die den Vorwurf der Rechtsradikalität tatsächlich belegen, sind bislang nicht zu finden. Es bleiben daher ein willkürlich interpretierter Satz, eine Teilnahme an einer Demonstration sowie eine Interpretation eines T-Shirts. Für uns ist klar, dass diese Vorwürfe in keiner Weise eine Absage rechtfertigen.
Es muss in diesem Kontext die Frage gestellt werden, ob das Bündnis bei manchen Vorwürfen nicht selbst rechten Hetzern im Internet bei der Recherche in die Falle geht. Denn gerade von rechts werden solche Fakenews gerne als vermeintliche Fakten im Internet verbreitet, um damit Menschen, Bands oder Locations zu diskreditieren, die gegen rechts vorgehen.
Es ist grotesk, dass wir als Backstage seit einiger Zeit immer wieder Folgendes klar betonen müssen: Seit 30 Jahren sind wir eine eindeutig links-alternative Location, in der Rechte, Nazis, ExtremistInnen und sonstige HasserInnen nichts verloren haben. Unzählige KünstlerInnen, Bands und Fans bestätigen, dass wir unter anderem nichts mit der rechten Szene oder anderen Hass-Milieus zu tun haben und die Rechten das Backstage schon immer meiden bzw. als Feind ansehen (Zitat: „Dieser linke Zeckenladen gehört endlich dicht gemacht“). Jeder Schaden an uns befördert somit nur die Freude derer, gegen die wir eigentlich alle zusammen vorgehen sollten.
Aus diesem Grund sind wir immer noch schockiert darüber, dass uns das Linke Bündnis nach Absage des Kollegah-Konzerts sogar noch weiter beschädigt hat, anstatt mit uns gegen die Hetze und massive persönliche Androhung von Gewalt von Seiten Kollegahs und seiner Fans gegen das Backstage und leitende MitarbeiterInnen Flagge zu zeigen. Vielmehr wurden nicht nur wir, sondern auch Personen, die sich bei uns ehrenamtlich für Toleranz und gegen Rassismus engagieren, angegriffen, beleidigt und öffentlich als rechts diffamiert. Ebenso wurden alle MünchnerInnen wiederholt zum Boykott des Backstage aufgerufen. Wir sagen ganz klar: Der so wichtige Kampf gegen Antisemitismus darf nicht als Deckmantel für eine generelle Hetze gegen das Backstage, VeranstalterInnen und Einzelpersonen instrumentalisiert werden. Auch Diffamierung, falsche Beschuldigungen und öffentliche Aufrufe zum Boykott sollten in einer offenen und freien Gesellschaft längst der Vergangenheit angehören.
5. Frauenarzt und King Orgasmus One Bei beiden Künstlern wird vom Bündnis die Kritik des Sexismus und der Homophobie angebracht. Diese Gleichstellung von Antisemitismus mit Sexismus und Homophobie ist für uns äußerst irritierend. Demgegenüber mag zwar die Schwelle des guten Geschmacks, aber nicht eindeutig unsere roten Linien überschritten sein, selbst wenn uns diese Texte missfallen. Denn beide Rapper zählen sich selbst zu
Vgl. hier auch die Reportage der Süddeutschen Zeitung aus dem Jahr 2011 https://www.sueddeutsche.de/muenchen/backstage-betreiber-hans-georg-stocker-der-sturkopf-1.1069122 sowie https://www.sueddeutsche.de/muenchen/feier-25-jubilaeum-laut-lauter-backstage-1.2817854 Vgl.: https://lbga-muenchen.org/2020/03/04/das-problem-heisst-backstage-eine-grundlegende-kritik-amkonzertveranstalter/ 7 dem beinahe satirischen Genre des Porno-Rap, in dem eine Sprache gewählt wird, die auf den ersten Blick durchaus sexistisch wirkt und insgesamt sicher an den Rändern des guten Geschmacks verläuft. Beide Künstler haben sich in den letzten Jahren aber häufig und vor allem überzeugend geäußert, dass ihre Texte als äußerst provokant und geschmacklos empfunden werden können, dahinter aber weder eine homophobe noch eine sexistische Motivation stehen. Vielmehr ist es für das gesamte Genre des Hip-Hops üblich, eine äußerst vulgäre, aggressive und harte Sprache zu wählen, die permanent an der Grenze zur Beleidigung und Empörung verläuft. Würde man nur aus dieser Perspektive einen Hip-Hop-Act bewerten, müssten nahezu alle Konzerte mindestens aus diesem Genre abgesagt werden. Dies wäre aber wiederum eine Zurückweisung von zig Tausenden Fans dieser Szene, insbesondere von überproportional vielen Menschen aus sozial benachteiligten Schichten. Dabei zeigen die Platzierungen in den Charts, dass diese Sparte des Hip-Hops zumindest nach den Verkaufszahlen mittlerweile zu einer der wichtigsten und umsatzstärksten Musikbranchen geworden ist.
Daher muss im Kontext der Subkulturen und Extremmusik auch auf die sozial-integrative Bedeutung solcher Konzerte hingewiesen werden: Wie keine andere Location in Bayern bieten wir KünstlerInnen und Fans dieser extremen Genres die Möglichkeit der Begegnung. Wichtig zu berücksichtigen ist, dass es besonders im Hip-Hop viele Fans aus sozialen Milieus gibt, die ansonsten kein kulturelles Angebot in München haben und mit dieser Musik bzw. dieser Sprache auch gegen den bürgerlichen Mainstream, die gesellschaftlichen Konventionen und den Konservatismus ankämpfen. Für diese breite Masse an Fans wäre es ein Schlag ins Gesicht, wenn ihre Kultur verboten und damit ihre Abspaltung von der Gesellschaft, die aufgrund der sozialen Umstände eh schon oft sehr weit fortgeschritten ist, noch zusätzlich befördert wird. Um die soziale Integration zu stärken und zugleich ein Bewusstsein für die Probleme in diesen Texten oder Genres zu schaffen, sind Verbote daher völlig kontraproduktiv. Eine kritische Diskussion direkt vor Ort mit den Fans über die Themen halten wir für wesentlich zielführender. Daher haben wir in der Vergangenheit schon immer solche Dialoge gefordert und — wo es uns möglich war — selbst umgesetzt. Leider fehlte bisher aber die Kooperationsbereitschaft der KritikerInnen, der Politik oder den entsprechenden Organisationen, da die Möglichkeiten des Austausches meist unter der Vorgabe von fehlenden zeitlichen, finanziellen oder organisatorischen Mitteln abgelehnt wurden.
Unser konkreter Vorschlag: Die Themen Sexismus, Homophobie und neuerdings auch Antisemitismus im Hip-Hop werden seit Jahren intensiv diskutiert. Gerne laden wir AktivistInnen, FrauenrechtlerInnen, KünstlerInnen und PolitikerInnen ein, die Shows mit kritischen Diskussionen zu begleiten, um die Themen sachlich und multiperspektivisch für alle Beteiligten, die Fans und die Öffentlichkeit zu beleuchten. Sofern möglich laden wir dazu auch die betroffenen KünstlerInnen selbst ein, um sich mit den KritikerInnen direkt auseinanderzusetzen.
Bezüglich der Band Frauenarzt sei noch am Rande erwähnt, dass — wie in der Tagesschau zu sehen war — bei der Wahlparty der SPD nach der letzten Bundestagswahl 2021 Die Atzen aka Frauenarzt als Siegeshymne liefen, als der designierte Bundeskanzler Olaf Scholz nebst der kompletten SPD-Führungsriege das Podium betrat. Seit Jahren schon gehören Songs von Frauenarzt zu den beliebtesten Songs in Bierzelten, auf Volksfesten und Partys; explizit der Song „Hey was geht ab“ bringt — genau wie „YMCA“ von den Village People — auch ein diverses Publikum in jedem Bierzelt von der Bräurosl bis zum Schützenzelt in freudige Wallung.
Vgl. zu Frauenarzt: https://www.backspin.de/frauenarzt-ich-bin-sexuell-aber-nicht-sexistisch/ und zu King Orgasmus One https://juice.de/king-orgasmus-one-interview/ Vgl. dazu: https://hiphop.de/magazin/meinung/spiegel-untersuchung-sind-angeblich-sexistischsten-deutschrapper- 340218 8 6. Zukunft der Kultur in München In erster Linie betrübt uns persönlich die erneut populistische Vorgehensweise des Linken Bündnisses gegen uns trotz anderer Vereinbarungen sowie die Anschuldigungen gegen die KünstlerInnen und damit auch die Fans. Denn zentral für unser Verständnis von Respekt ist, dass Bands und vor allem ihre Fans nicht ungerechtfertigt stigmatisiert, vorverurteilt und in eine politische bzw. extremistische Ecke gestellt werden. Gerade in diesem aktuell sensiblen gesellschaftlichen Klima können diese Art von Beschuldigungen ganze Leben, Familien oder Karrieren zerstören und persönliche Konsequenzen mit sich bringen, die in keiner Relation zu den Vorwürfen stehen. Wie viele Beispiele in jüngerer Vergangenheit belegen (siehe weiter unten), ist zu befürchten, dass im Zuge der immer schneller einsetzenden moralischen Empörung diese Relationen und Überlegungen der realen Konsequenzen bei manchen KritikerInnen mittlerweile verloren gegangen sind. Es scheint den KritikerInnen bspw. in Bezug auf das Backstage nicht klar zu sein, dass die ungerechtfertigte Diffamierung als „rechter Laden“ mittlerweile tatsächliche politische, wirtschaftliche, kulturelle und gesundheitliche Folgen nach sich zieht, die insbesondere denjenigen Personen schadet, die sich seit Jahren intensiv für den Kampf gegen Hass, Hetze, Rassismus und Antisemitismus einsetzen. Auch fragen wir uns, ob sich alle in dem Bündnis vertretenen Organisationen mit dieser vorgebrachten Form der Kritik, der Vorgehensweise sowie den persönlichen Angriffen gegen Einzelpersonen tatsächlich identifizieren und sich mit den Forderungen inhaltlich auseinandersetzen. Diese Frage kann gleichermaßen den PolitikerInnen in der Münchner Kommunalpolitik gestellt werden, die mit dem Bündnis vernetzt sind.
Wie eingangs geschrieben wissen wir um unsere Verantwortung als BühnenbetreiberInnen für die Demokratie, die Kultur und die Fans, weswegen wir die Bands auf unseren Bühnen genau überprüfen und strenge Kriterien anlegen. Doch wissen wir auch, dass gerade die Musikwelt nicht nur in „gut“ und „böse“, „rechts“ und „links“, „schwarz“ oder „weiß“ aufgeteilt werden kann. Vielmehr schätzen wir die Buntheit, die Extreme, die Ränder, die Subkulturen und den hohen Wert der künstlerischen Freiheit, solange unsere eigenen roten Linien dabei nicht überschritten werden. Den aktuellen Entwicklungen der Cancel Culture am Theater, bei Kundgebungen, an Universitäten und in Clubs aufgrund subjektiver Betroffenheit oder einer weit über das gutgemeinte Ziel schießenden, aber der Sache nicht angemessenen moralisch-ideologischen Überkorrektheit müssen wir entschieden entgegentreten, wenn wir weiterhin in einer bunten, offenen, heterogenen und demokratischen Gesellschaft leben wollen. Wir wollen vielmehr, dass auch zukünftig bspw. nicht die Hautfarbe darüber entscheidet, welche Meinung/Haltung, Kleidung oder gar Frisur man haben und tragen darf.
Daher rufen wir AktivistInnen, WissenschaftlerInnen, PolitikerInnen, KünstlerInnen und Interessierte auf, mit uns über die roten Linien, die Zensur der Kultur und die politische Einflussnahme auf die Bühnen sowie die Zukunft der Kulturszenen zu diskutieren. Denn die vielerorts schon herrschende Selbstzensur aus Angst vor einem meist anonymen Shitstorm im Internet mit realen Konsequenzen sind Vorboten einer gefährlichen Entwicklung, die wir bereits aus der Geschichte kennen und der wir alle zusammen vor allem eines entgegensetzen müssen: Ein lautes und entschiedenes „Nie wieder“!
Wie aktuell im Gärtnerplatztheater, vgl. https://www.freitag.de/autoren/marlen-hobrack/blackfacing-am-muenchergaertnerplatztheater-wer-ist-der-rassist oder https://www.nzz.ch/feuilleton/blackfacing-skandal-um-jonny-spielt-auf-inmuenchen-ld.1676013?reduced=true Siehe die Musikerin Ronja Maltzahn, die aufgrund ihrer Dreadlock-Frisur von Friday for Future wieder ausgeladen wurde. https://www.tagesspiegel.de/politik/wegen-dreadlocks-unerwuenscht-fridays-for-future-laedt-musikerin-ronja-maltzahnvon-demo-aus/28194858.html Demonstrationen gegen einen Auftritt von Christian Lindner, der wegen vieler Proteste entwickelte Kodex Wissenschaftsfreiheit der Uni Hamburg oder die zahlreichen Rücktritte von Professoren, vgl. https://www.dietagespost.de/kultur/wokes-klima-jordan-peterson-gibt-uni-professur-auf-art-224917 oder https://www.nzz.ch/schweiz/shitstorm-an-der-eth-ein-professor-erhaelt-morddrohungen-ld.1673554
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