
Statement
1 Statement zum Au’ri* von SLAUGHTER TO PREVAIL im Backstage München im Januar 2024
Stand: 17.10.2023, 10.00 Uhr
Ausgangslage:
Das Backstage wurde Anfang September von einer Agentur angefragt, das Werk für eine Show der russischen Deathcore-Band SLAUGHTER TO PREVAIL (im Folgenden STP) zu vermieten. In diesem Fall ist das Backstage somit nicht Veranstalter, sondern nur VermieterIn der Bühne. Dieser Aspekt muss deswegen vorangestellt werden, da dem Backstage in den letzten Jahren von der PoliWk gerne der Vorwurf gemacht wurde, warum man überhaupt Bands einlädt, die diskussionswürdig sind. RichWg ist: Wenn das Backstage selbst als Veranstalter fungiert und akWv Anfragen an Bands stellt, folgt es strengen, selbst auferlegten roten Linien. Diese Konzerte waren in 99% der Fälle unstri]g. RichWg ist aber auch: In den letzten 33 Jahren der Backstage-Geschichte und bei ca. 1000 Konzerten pro Jahr gab es auch vereinzelte Bands, die das Backstage aufgrund von Hinweisen aus der Fanszene, von AkWvistInnen oder poliWschen OrganisaWonen, die uns zuvor nicht vorlagen, abgesagt oder nach Prüfung trotzdem veranstaltet haben. Als LocaWon, die auch ein Ort für zahlreiche künstlerisch, aber nicht poliWsch, extreme Musikszenen ist, bleiben solche Diskussionen in den sog. Grauzonen kaum aus. Im Gegensatz zu anderen LocaWons stellen wir uns aber diesen Diskussionen und verschaffen uns ein breites Meinungsbild durch Recherchen, Diskussionen mit externen Experten oder Gespräche mit betroffenen Gruppen.
Wir sehen es auch als unsere Aufgabe an, gesellscha’spoliWsche Verantwortung zu übernehmen und die Spaltung der Gesellscha’ in unseren Möglichkeiten einzudämmen, indem wir uns für oder gegen eine Band entscheiden. Und jede einzelne Entscheidung führt in diesen Bereichen, die eben nicht klar durch Gesetze oder eindeuWge ethische Maßstäbe geregelt ist, immer zu KriWk. Denn egal wie wir uns entscheiden, wir entscheiden uns immer auch gegen eine Fanszene, eine Band oder eine Meinung. Um das an dieser Stelle einmal deutlich zu sagen: An einem Ort wie dem Backstage werden der Kampf gegen Rechts, gegen Rassismus, gegen AnWsemiWsmus usw. konkret und Fakten. Während sich die PoliWk in ihre Phrasen an den Rednerpulten oder in Talkshows flüchtet, um populisWsch schnellen Beifall einzuheimsen, müssen wir ohne jede poliWsche Unterstützung diesen Kampf in konkrete Taten übersetzen und echte Fakten schaffen. Denn es gibt kein Handbuch mit Regeln, nach denen jeder einzelne Fall bewertet werden kann. Wir müssen entscheiden, was zu stark rechts, rechtsradikal, rechtsextremisWsch oder naWonalisWsch ist, was sexisWsch oder frauenfeindlich, anWsemiWsch oder anderweiWg extremisWsch ist. Wir nahmen und nehmen diese Verantwortung immer gerne an und stellen uns den Diskussionen, da wir es für unsere Verantwortung halten, die DemokraWe vor all ihren Feinden zu schützen. Wir wehren uns daher auch gegen jede poliWsche Vereinnahmung, weswegen wir weder einer ideologischen „Cancel Culture“ folgen, noch gegen eine „Cancel Culture“ sind. Wir „canceln“ dann, wenn wir es für gerechherWgt halten.
Im Fall von STP wollen wir einen solchen Prozess der Entscheidungsfindung, einmal für alle Fans und KriWkerInnen dokumenWeren, da das Beispiel STP drei zentrale Probleme aufweist, die exemplarisch für viele andere Bands stehen. Wir wollen transparent machen, wie wir jede Band auf unseren Bühnen kriWsch prüfen und es uns bzgl. einer Zu- oder Absage keineswegs leicht machen. Würden wir KriWk oder Verdachtsmomente aus kommerziellen Gründen einfach ignorieren, wie es viele andere LocaWons machen, würden wir gegen unsere eigenen Werte handeln. Denn wir selbst wollen auf unseren Bühnen keine Rassisten, Sexisten, Extremisten, DemokraWefeinde, AnWsemiten oder andere Formen von Diskriminierung.
2 Problemthemen bei STP:
Bei der Band STP sind nun drei problemaWsche Themenfelder zu beleuchten, die uns in ähnlichen Formen immer wieder begegnen: Die Glaubwürdigkeit der Band und die der KriWker, die Schwierigkeit der Prüfung von Sachverhalten in der Vergangenheit sowie die Abwägung zwischen verschiedenen Vorwürfen, der RelaWvität zwischen Vorwürfen und Konzertabsagen bzw. Nicht-Veranstalten sowie die Bewertung einzelner Sätze oder Vergehen.
1. STP als russische Band:
Die Band wurde 2014 in Jekaterinburg in Russland gegründet und ist dort auch unter dem Namen Russian Hate Crew aufgetreten. Zu hinterfragen ist daher ihr Verhältnis zum Kriegstreiber PuWn und was ihre poliWsche Haltung ist. Die Band singt primär in russischer, aber auch in englischer Sprache, da manche Mitglieder aus den USA und Großbritannien stammen.
Im Frühjahr 2022 ist die Band aus Protest gegen PuWn nach Florida ausgewandert und hat mit dem Song 1984 ein klares Statement gegen den Krieg gesetzt. In einem Interview mit dem Revolver äußerst sich der Sänger Aleksandr Shikolai deutlich: „Man kann den Krieg nicht unterstützen, außer man ist ein dummer Mensch.“ Darin macht er auch klar, dass eine Band wie STP mit Gewalt durch den Machtapparat von PuWn rechnen muss, wenn sie den Krieg kriWsiert: „Besonders wenn man Musik macht und gegen den Krieg ist, werden sie wahrscheinlich versuchen, deine Konzerte zu verhindern.“ Noch deutlicher ist das Statement der Band, das sie bereits am 26.02.2022 auf ihrer Facebook-Seite veröffentlicht haben: „No to war! Our band has nothing to do with poliWcs, we do not take sides. We are for all peaceful inhabitants of this world and for world peace. We do not accept ANY military acWon. We wish all of you and your loved ones, relaWves and friends to stay safe and hope this nightmare ends as soon as possible.”, Aufgrund dieser klaren PosiWonierung gegen PuWn sollte der Band eine Bühne gegeben werden, um sich nochmals gegen den Krieg auszusprechen, die Menschen über die Musik zu verbinden und die Band in ihrer Haltung zu unterstützen.
2. Der Sänger Aleksandr „Alex Terrible“ Shikolai und rechte Verfehlungen Auch wenn die Band insgesamt unpoliWsch ist, hat der Sänger Aleksandr Shikolai alias Alex Terrible mit diversen poliWschen Fehltri*en in seiner Vergangenheit zu kämpfen. So wurden ihm im November 2015 zwei Tätowierungen mit rechtsextremen MoWven (Schwarze Sonne und Odal-Rune) sowie das Tragen von Kleidung der rechten Marken Thor Steinar und White Rex vorgeworfen. Zudem soll er Kontakte zu rechtsextremen Künstlern und Bands unterhalten.
Auf Facebook wies Alex Terrible diese Vorwürfe gänzlich zurück und erklärte, dass seine Tätowierung nur einen mythologischen Hintergrund ha*e: „I want to make clear that neither me nor the band and our crew support and/or tolerate any type of Nazism, racism or fascism. Love music, fight racism.“ Mi*lerweile hat er sich diese Ta*oos sogar überstechen lassen.
In seinem Statement erklärt er auch das Tragen der umstri*enen Kleidung mit dem Hinweis: „Unfortunately I just didn’t know that hoodie was associated with the right wing & have since got rid of it.” Zuletzt distanziert er sich auch deutlich von rechten Bands oder anderen Kontakten und stellt klar: „I listen to the MUSIC that I like, and you can decide what music I can listen to and accuse me of that. I love the music of anW-fascist bands such as Independza and Call For Blood, and I’ll keep
https://www.metal-hammer.de/slaughter-to-prevail-wandern-aus-russland-aus-1964451/ https://www.facebook.com/slaughtertoprevailrus/posts/493553092125824?ref=embed\_post https://www.youtube.com/watch?v=R1A0TEeyfpo&t=1s 3 listening to them for their music not their message. If I like Lady Gaga or Wu - Tang Clan I will listen to them, and no one will ever be able to forbid me to do that. (…) Such an accusaWon is absurd!“ Wir halten diese Aussagen, die er auch in einem Interview bei vice untermauert für glaubwürdig und sind der Meinung, dass diese Distanzierungen von rechten Rändern authenWsch ist. Es stellen sich bei solchen Fällen immer dieselben Frage: Wie geht man mit Jugendsünden bei Bands um? Was ist oder war der soziale, poliWsche und gesellscha’liche Hintergrund solcher Verfehlungen? Ist die Band anderweiWg poliWsch akWv oder negaWv aufgefallen? Wie glaubwürdig sind solche Statements? Wir sind der Meinung, dass wir dem Prinzip unseres Rechtssystems folgend jedem und jeder eine Chance auf RehabilitaWon geben sollten, der sich darum bemüht. Bei Alex Terrible sehen wir das als gegeben an. Einen damals Jugendlichen im russischen Untergrund für solche Ta*oos oder Hoodies auf ewig von einer Bühne zu verbannen, schießt über das Ziel, Rassismus und Extremismus zu bekämpfen, hinaus und schadet der Sache vielmehr. Im Gegenteil sollte man mehr Jugendliche ermuWgen, sich Alexis Terrible in diesem Punkt zum Vorbild zu nehmen, der sich von seinen Fehlern distanziert, diese erklärt und mit dem Überstechen des Ta*oos auch Taten sprechen lässt. Nur so schaw man ein Klima, in dem Fehler nicht lebenslang vorgehalten, sondern als Anstoß für Verbesserungen verstanden werden.
3.Der Sänger Aleksandr „Alex Terrible“ Shikolai und sein Weltbild auf die Geschlechter So begrüßenswert seine Haltung gegen Rechts ist, so kontrovers und kriWsierbar sind seine Aussagen in Bezug auf Männer- und Frauenstereotypien. Es ist bekannt, dass wir als Backstage ganz klar auf der queeren Seite stehen und alle Formen der Sexualität- und Geschlechterrollen respekWeren. Es ist uns schlicht egal, wer sich als männlich, weiblich, trans, homo oder was auch immer idenWfiziert oder wer mit wem wie seine Sexualität auslebt. Das Backstage war, ist und bleibt immer ein Ort der Buntheit, der Vielfalt, der Offenheit und der Toleranz. Was aber auch jedem bewusst sein muss: Diese Haltung ist in der Welt nicht allzuweit verbreitet und wir sehen in der Mehrzahl der Länder in der Welt Frauen- und Männerbilder, die wir ablehnen oder als völlig verachtenswert ansehen. Viele Menschen, die bspw. in patriarchischen Gesellscha’en aufgewachsen und sozialisiert sind, haben daher noch immer ein Frauen- oder Männerbild, dass wir auf Grund dieser Umstände nicht entschuldigen, aber aus einer anderen PerspekWve beurteilen müssen. Bei Alex Terrible stehen wir vor der Frage, wie man seine jüngsten Aussagen zu „echten Männern“ bewertet. Auf Instagram postete er folgende „Four rules of real man“: First one, the real man eats woman p*ssy, he likes. Second one, the real man eats food with his own hands. Third one, the real man does sport, especially combat sport. And the final one, the real man listen to metal music.” Mit Ausnahme des letzten Punkts könnten diese Sätze auch einer Rede von Donald Trump entstammen und mit gutem Willen als „lusWg“ bezeichnet werden. Leider meint Alex Terrible diese Aussagen ernst, was er in der ReakWon auf diesen Post untermauert: “It makes me uncomfortable when I touch on a heterosexual topic and it doesn’t ma*er at all, jokingly or seriously, there are a lot of people who start poinWng fingers at me and calling me a homophobe or a women-hater. You are crazy! If you don’t like that l’m a straight man and have tradiWonal family values, please unfollow me! I don’t give a shit who are you and if you suck d*cks balls ass or p*ssy it’s not my f*cking deal I don’t want to know that. That’s your personal f*cking stuff. I will not feel sorry for anyone and be gentle, I say what I think and someWmes I speak rudely. I hate propaganda in any form, especially when trying to brainwash children! I consider it a crime, children
Das komplette Statement lässt sich hier nachlesen: https://www.facebook.com/slaughtertoprevailrus/posts/letsput-this-all-to-rest-in-this-video-i-comment-on-the-accusations-that-have-b/1249441761739579/.
https://www.vice.com/de/article/rkanzv/slaughter-to-prevail-nazi-vorwuerfe-392 4 absorb everything like sponges and do not realize unWl they are of a conscious age. parents, teachers and educators are responsible for children and they must help them become individuals who in the future will take responsibility for their own desWny. If you want to cancel me for this then please! I won’t stop making my own music and being myself. F*ck you.“
So gesteht er zwar jedem seine eigene sexuelle Freiheit zu, fällt aber schnell in eine anklagende und nahezu verschwörungstheoreWsche ArgumentaWon, bei der Kinder in Gefahr einer Gehirnwäsche durch sexuelle Vielfalt sind. Mag diese Haltung in einigen Ländern verbreitet sein, so widerspricht sie unserer Philosophie der Offenheit, weswegen wir uns davon klar distanzieren.
Zur Deba*e steht nun die Frage: Ist diese Betonung der Heterosexualität und die Glorifizierung des „echten Mannes“ Grund genug, der Band den Au’ri* zu verwehren? Oder müssen wir solche Meinungen als Demokraten und Verteidiger der Meinungsfreiheit aushalten?
Dahinter steht die Frage, ob man bei jeder Band neben der Prüfung der poliWschen Haltung, da wir keine Rassisten, AnWsemiten oder Extremisten auf unseren Bühnen haben wollen, auch andere Gesinnungsaspekte, die nichts mit der Musik oder Show zu tun haben, in die Beurteilung ziehen muss wie bspw. die private Meinung zur Sexualität. Gerade dieses Thema ist dabei umso komplizierter, da an die KünstlerInnen mi*lerweile ein Maßstab der sexuellen bzw. gendersensiblen Haltung gelegt wird, auf den man im großen poliWschen Handeln völlig verzichtet. So beurteilt man bspw. beim Asyl- und Fluch*hema nur den Schutzstatus einer Person und ignoriert religiöse, sexuelle oder poliWsche Haltungen, was unserer Meinung richWg ist. Es widerspräche jedem humanisWschen Prinzip, einem Menschen das Recht auf Asyl zu verwehren, nur weil er der Meinung ist, dass Frauen zu Hause an den Herd und nicht an die Universität gehören. Solch eine Haltung wird aber bei manchen KünstlerInnen sofort als Grund für ein Au’ri*sverbot gesehen, was unserer Meinung nach nicht zusammenpasst. Auf der einen Seite werden von unserer PoliWk und Wirtscha’ milliardenschwere Geschä’e mit Ländern gemacht, in denen Homosexuellen die Todesstrafe droht oder Frauen zu Tode gesteinigt werden, wenn sie vor der Ehe Sex haben, auf der anderen Seite sollen bei uns KünstlerInnen verboten werden, die sich lediglich für Heterosexualität (und nicht einmal gegen andere Formen) aussprechen oder den Sex an sich besingen.
Fazit:
Wir haben uns im Falle von STP FÜR das Konzert entschieden, da wir der Meinung sind, dass unsere roten Linien nicht überschri*en werden. Wir teilen manche Haltung des Sängers ausdrücklich nicht, wollen aber der Vielfalt der Meinungen als akWve Demokraten Raum geben. Sollten bis zum Konzert neue Vorwürfe, neue Fakten oder weitere Verfehlungen von Seiten der Band au’reten, werden wir die Sachlage natürlich neu bewerten. Zum heuWgen Stand findet das Konzert sta* und wir freuen uns für alle Fans der Deathcore-Szene auf einen spannenden und vorfalllosen Abend. Denn wir haben keine Scheu, auch ein laufendes Konzert ggf. zu stoppen, wenn es währenddessen Ausfälle von Seiten der Band oder Fans geben sollte, die wir nicht dulden können.
Was ist eure Meinung? Wie würdet ihr an unserer Stelle mit diesem Fall umgehen? Steht poliWsches Engagement gegen PuWn über Machogehabe? Oder ist subWler Sexismus schlimmer zu bewerten und gehört von der Bühne? Lieber ein Konzert mit Diskussion und Auzlärung oder einfach laufen lassen, weil man es eh nie Allen Recht machen kann? Schreibt uns Eure Meinungen!
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